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BFH 2019: Besonderes Kirchgeld nur wenn „kirchensteuerfrei“. Diese Seite informiert über die Rechtslage, Tricks von Kirchen, Gerichten und Ämtern sowie Einspruch und Klage beim besonderen Kirchgeld.

Direkteinstiege:

Inhaltsübersicht:

Um was geht es?

Wieso klappt dieser Schwindel?

Worum geht es genau?

Wer sagt was?

Was gilt?

Was wissen Anwälte und Richter?

Was will Kirchgeld-Klage.info?

Für wen ist Kirchgeld-Klage.info?

Was bietet Kirchgeld-Klage.info?

Diskussion mit Kirchgeld-Klage.info

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Um was geht es?

Das besondere Kirchgeld ist eine Kirchensteuer, die vom kirchenangehörigen Ehegatten einer glaubensverschiedenene Ehe (d.h., einer ist nicht in der Kirche) erhoben werden kann.
Sie wird aus den zusammengerechneten Einkommen beider Ehegatten ermittelt, obwohl einer der Kirche angehört.

Die Rechtslage beim besonderen Kirchgeld ist eigentlich einfach:
Es gibt dafür unbestritten EINE maßgebliche verfassungsrechtliche Grundlage (BVerfG 1965; 1 BvR 606/60, Ziff. C II 2), und die ist „eindeutig“ (BFH 2013; I B 109/12): Besonderes Kirchgeld nur und genau dann, wenn der kirchenangehörige Ehegatte „ansonsten mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei bliebe“. [1] Diese optionale Ermächtigungsnorm für die Kirchen ist komplementär zu den tragenden Gründen dieses Urteils, die u.a. besagen, dass Kirche, sofern sie das Einkommen besteuert, das Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten besteuern „muß“.

Danach ist das besondere Kirchgeld

  • verfassungskonform, wenn der kirchenangehörige Ehegatte KEIN eigenes Einkommen im Sinne des Einkommensteuerrechtes hat, und
  • verfassungswidrig, wenn er ein solches eigenes Einkommen hat.

Das Problem ist nur, dass spätestens um das Jahr 2000 die Landtage auf Wunsch der Kirchen das besondere Kirchgeld ohne diese Einschränkung des BVerfG „mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ in ihre KiStG aufgenommen haben.
Ob die Länder sich über den Tisch haben ziehen lassen oder ob sie das absichtlich so gemacht haben sei dahingestellt. Obwohl die Länder sonst kaum etwas gemeinsam geregelt bekommen, ähneln sich die Gesetzesbegründungen in den Landtagsdrucksachen verblüffend bis in den Wortlaut hinein: Das BVerfG habe die Besteuerung des Lebensführungsaufwandes erlaubt – die o.a. Voraussetzung „ansonsten mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ wird nicht erwähnt und steht dann auch nicht im Gesetz. Man darf wohl annehmen, dass da eine kirchlich koordinierte Vorlage zugrunde lag. Einzelne Gesetzgebungsunterlagen erwähnen eine Mitwirkung der Kirchen.
Dadurch ist nach den KiStG das besondere Kirchgeld auch bei einem eigenen Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten zulässig, entgegen BVerfG. Damit sind die Landtage nicht ihrer Pflicht nachgekommen, gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG die tragenden Gründe einschlägiger BVerfG-Entscheidungen zur glaubensverschiedenen Ehe zu beachten.
Diese besagen hier, dass bei einem eigenen Einkommen des Kirchenmitglieds
1) ausschließlich genau dieses zu besteuern ist (BVerfG, 1 BvR 606/60, Ziff. C I 2), und dass
2) die Einkommen der Eheleute nicht zusammengerechnet werden dürfen (BVerfG, 1 BvR 606/60, Ziff. C I 1, C I 2, C I 2a, C I 2d).
Im Zweifel greift Art. 31 GG: Bundesrecht jeder Rangordnung geht dem Landesrecht vor.

Es mag unterschiedliche Auffassungen geben, ob eine solche materielle Änderung der vom BVerfG für diese kirchliche Besteuerung vorgegebenen Rechtsnorm korrekt ist, als zufällig zeitgleiches kollektives Versehen quer durch die Republik gelten kann, oder gar als großanlegtes Betrugs- und Täuschungsmanöver anzusehen ist.
Jedenfalls wird damit materiell der verfassungsrechtliche Grundsatz der Individualbesteuerung durchbrochen, weil aufgund der Kirchgeldtabelle materiell das Haushaltseinkommen herangezogen wird, obwohl nur ein Ehegatte kirchensteuerpflichtig ist und lt. BVerfG ausschließlich dessen Einkommen kirchlich besteuert werden darf. Daran ändert das ganze haltlose Gerede von Kirchen und Gerichten zum sog. Lebensführungsaufwand nichts, denn Steuern müssen formell und materiell der Verfassung gemäß sein.
Die ELKB hat mit dieser Begründung „Grundsatz der Individualbesteuerung durchbrochen“ ihr besonderes Kirchgeld ab dem Steuerjahr 2018 aufgehoben, ebenso das Bistum Trier.

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Wieso klappt dieser Schwindel?

Seit Einführung des besonderen Kirchgeldes und vermehrt etwa ab 2000 vollführen Kirchen, Behörden und Gerichte alle möglichen Bocksprünge, um sich um diese verfassungsrechtlich gebotene Einschränkung „ansonsten mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ herumzumogeln.
Zentraler Trick ist zu behaupten, das BVerfG habe die Besteuerung des Lebensführungsaufwandes erlaubt (also immer und grundsätzlich), was insoweit gelogen ist, als dies nur für den Fall „einkommenslos“ zutrifft (BVerfG 1 BvR 606/60, Ziff. C II 2). Und weil dieser Lebensführungsaufwand lt. BVerwG VII C 48.73 am gemeinsamen Einkommen der Ehegatten bemessen werden darf, behaupten Kirchen und Gerichte in trauter Einigkeit, dürfe das besondere Kirchgeld auch bei einem eigenen Einkommen des Kirchenmitglieds erhoben werden. Das ist doppelt gelogen. Das BVerwG hat diese Bemessungsmethode explizit unter Verweis auf das BVerfG auf das einkommenslose Kirchenmitglied beschränkt (VII C 48.73, Ziff. II 4 c). Und laut BVerfG 1 BvL 31/62, Ziff. C II kann die Bemessung einer Steuer nicht die Heranziehung zu dieser Steuer begründen.

Diese Falschdarstellungen verstecken aber nur die eigentliche willkürliche Abzocke.
Nach den KiStG der Länder sind bei glaubensverschiedener Ehe sowohl die KiESt als auch das besondere Kirchgeld möglich. Ob jemand nun das besondere Kirchgeld auf das Haushaltseinkommen oder KiESt auf sein eigenes Einkommen zahlen muss, wird allein durch die sog. Vergleichsberechnung entschieden: Die jeweils höhere Steuer wird genommen, und zwar allein weil sie höher ist. Einen Rechtsgrund dafür gibt es nicht.
Die verfassungsrechtliche Klärung der kirchlichen Besteuerung bei glaubensverschiedener Ehe durch das BVerfG in 1 BvR 606/60 wird so mit einem schlichten Vergleich zweier Zahlenwerte (einer davon unzulässig) beiseitegeschoben – Geld vor Verfassung. Dazu sind weder Länder noch Kirchen berechtigt, weil sie keine Normverwerfungskompetenz gegenüber dem BVerfG haben.
Entsprechend hält man die Vergleichsberechnung lieber im Dunkeln (z.B. in eher versteckten Erlassen). Von 26 ausgewerteten Urteilen zum besonderen Kirchgeld bei Doppelverdienerehe haben 23 die Vergleichsberechnung gar nicht erwähnt, keines hat sie auf ihre Rechtmäßigkeit hin beurteilt.

Soweit behauptet wird, der EGMR habe das besondere Kirchgeld gebilligt, so kann sich dies nur auf die Überschrift der Pressemitteilung des EGMR berufen. Tatsächlich hat der EGMR in seinem Urteil vom 6.4.2017 nur darüber entscheiden, ob die Kirchensteuerschuld der Ehefrau gegen die Lohnsteuererstattung ihres kirchenfremden Ehemannes aufgerechnet werden darf. Ansonsten hat der EGMR festgestellt, dass das besondere Kirchgeld auf der Voraussetzung „einkommenslos“ („no income“; Rn 12, 55 und 57) beruht. Näheres in Abschnitt III 7.

Solche Rechtsverbiegung geht insbesondere auf den I. Senat des Bundesfinanzhofes (BFH) zurück, der sein Urteil  I R 76/04 zum besonderen Kirchgeld bei Alleinverdienerehe einfach so entgegen BVerfG auf den nicht vergleichbaren Sachverhalt der Doppelverdienerehe übertragen hat (I R 44/05 ff.). Nicht vergleichbar deshalb, weil für das BVerfG in 1 BvR 606/60 die Einkommmenskonstellation (eigenes Einkommen ja oder nein) entscheidend war für die verfassungsrechtliche Beurteilung der kirchlichen Besteuerung bei glaubensverschiedener Ehe, weil die Kirche nur ihre Mitglieder und nicht die Ehe besteuern darf (ebd., Ziff. C I 1, C I 2, C I 2 a usw.).
Sodann hat dieser I. Senat des BFH konsequent die Vergleichsberechnung „übersehen“, auch wenn Kläger darauf hingewiesen haben. Damit ist nach ständiger Rechtsprechung des BFH regelmäßig eine „greifbare Gesetzeswidrigkeit“ anzunehmen (Näheres s. Abschnitt III 3 und III 4). Die tragenden Gründe der maßgeblichen BVerfG-Entscheidungen hat der I. Senat des BFH  entgegen § 31 BVerfGG sowieso permanent missachtet.
Der  derzeitige Vorsitzende des zuständigen I. Senats des BFH war mindestens 2013 bis Mitte 2018 Kirchengemeinderat, bis ihm dies in einer Nichtzulassungsbeschwerde zum besonderen Kirchgeld vorgehalten wurde. Nach § 51 Abs. 3 FGO ist bei einer solchen Gremienzugehörigkeit „stets“ die Besorgnis der Befangenheit begründet. Der I. Senat des BFH hat darin keinen Ablehnungsgrund in Kirchgeldverfahren gesehen, nachdem er die Auffassung der beklagten Kirche eingeholt hatte.

Auf derartige Entscheidungen berufen sich dann die erstinstanzlichen Gerichte und suchen sich zusammen was ihnen passt, damit die Kirche mehr Geld bekommt und der Richter keinen Ärger. (s. Abschnitt III 5).

Es gibt aber keine rechtskonformen Argumente für ein besonderes Kirchgeld bei eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds. Die Kirchen haben nichts, und die Gerichte auch nicht. Das besondere Kirchgeld bei eigenem Einkommen funktioniert nur mit Falschzitaten, Rechts“fehlern“ und anderen faulen Tricks.
Die EKIR z.B. beruft sich auf Rechtsvorschriften zum „Mindestkirchensteuercharakter“ des besonderen Kirchgeldes. Den gibt es so wenig wie diese Rechtsvorschriften.
Die EKIBA beruft sich auf das „geringe Einkommen“ (s.o.), obwohl ihre Bestimmungen anderes besagen. (s. Abschnitt II 5.5.10)
Andere Kirchen berufen sich auf ein „geringeres Einkommen als das des Ehegatten“ – was nur belegt, dass das besondere Kirchgeld nicht allein von Merkmalen aus der Person des Kirchenmitglieds abhängt und somit verfassungswidrig ist.
Etliche Kirchen begründen ihr besonderes Kirchgeld über die Ehe als Leistungsfähigkeitsgemeinschaft – und belegen damit, dass sie den Grundsatz der Individualbesteuerung missachten.
Schon die Unterschiedlichkeit all dieser „Begründungen“ zeigt, dass sie nichts mit der Rechtslage zu tun haben.

Ein Finanzgericht hat sich Ende 2018 offen zur Rechtsbeugung bekannt: „Wenn Sie das besondere Kirchgeld abschaffen wollen, müssen Sie anders wählen“ beschied der Vorsitzende den Kläger in der Verhandlung und wies die Klage unter Hinweis auf die kirchlichen Darlegungen ab. Soviel zur richterlichen Unabhängigkeit und zur Bindung an Gesetz und Recht.

Damit man sich gegen diesen Rechtsmissbrauch wehren kann, bieten wir einen umfangreichen Werkzeugkasten für Betroffene und Anwälte. Dieser zeigt

  • die Rechtslage gemäß höchstrichterlicher Rechtsprechung,
  • die Desinformation durch Kirchen und Behörden,
  • die Handlungsmöglichkeiten für Kirchgeldzahler und ihre Anwälte.

Man darf davon ausgehen, dass die hier erarbeitete Transparenz der Rechtslage mittels Nichtzulassungsbeschwerde (NZB) beim BFH dazu geführt hat, dass die Evang. Landeskirche Bayern (ELKB) und das Bistum Trier das besondere Kirchgeld abgeschafft haben. Die ELKB hat diesen Schritt explizit damit begründet, dass das besondere Kirchgeld den in Bayern geltenden Grundsatz der Individualbesteuerung durchbricht. Der gilt aber selbstverständlich bundesweit.

AKTUELL & WICHTIG:

Der BFH hat 2019 diese o.a. NZBs abgewiesen, in der Begründung aber eine wichtige Änderung seiner Rechtsauffassung vorgenommen. Der BFH begründet nun auch das besondere Kirchgeld mit dem bekannten Obiter dictum des BVerfG, verwendet allerdings das Kriterium „kirchensteuerfrei“ für die Zulässigkeit des besonderen Kirchgeldes.
Das bedeutet, dass dann, wenn KiESt auf das eigene Einkommen des Kirchenmitglieds anzusetzen ist, das besondere Kirchgeld nun auch aus Sicht des BFH nicht der Verfassung gemäß ist. Näheres in Abschnitt II 6.9.

Damit ist das besondere Kirchgeld bei eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds nun auch lt. BFH in den meisten Fällen nicht zulässig. Entscheidend ist lt. BFH „kirchensteuerfrei“. Dies steht nicht im Widerspruch zur Rechtsprechung von BVerfG und BVerwG.

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Worum geht es genau?

Das besondere Kirchgeld ist eine separate Kirchensteuer, die von Kirchenmitgliedern in glaubensverschiedener Ehe (d.h., nur einer ist in der Kirche) erhoben wird, sofern die Ehepartner sich gemeinsam zu Einkommensteuer veranlagen lassen. Unmittelbare Rechtsgrundlage ist das KiStG des jeweiligen Bundeslandes mit den zugehörigen kirchlichen Beschlüssen.
In Deutschland gibt es mindestens eine Million glaubensverschiedene Ehen.

Eigentlich ist die Rechtslage einfach:
Das besondere Kirchgeld darf nur dann erhoben werden, wenn der kirchenangehörige Ehegatte „mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei bliebe“, obwohl sein kirchenfremder Ehepartner ein hohes Einkommen hat.
Nur für diesen Fall hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) 1965 die kirchliche Besteuerung des sog. „Lebensführungsaufwandes“ des kirchenangehörigen Ehegatten (also das besondere Kirchgeld) ermöglicht. Dieser Lebensführungsaufwand des (lt. BVerfG also einkommenslosen) kirchenangehörigen Ehegatten wird „hilfsweise“ am „gemeinsam zu versteuernden Einkommen“ der Ehegatten bemessen, somit also allein am Einkommen des kirchenfremden Ehepartners (weil der kirchenangehörige Ehegatte ja lt. BVerfG einkommenslos ist). Der Kirchgeldtarif (96 bis 3.600 € p.a.) steht in der Kirchgeldtabelle. (Näheres in Abschnitt II 2)

Dieses Konzept wird häufig kritisiert, weil damit eine kirchliche Besteuerung letztlich auf dem Einkommen eines Nicht-Kirchenmitgliedes beruhe. Verfassungsrechtlich steckt dahinter die Besteuerung nach dem Leistungsfähigkeitsprinzip, das wiederum auf dem Gleichheitssatz (Art. 3 GG) basiert. Das ist u.E. beim einkommenslosen Kirchenmitglied kaum angreifbar. Bisher sind alle Verfassungsbeschwerden gegen das besondere Kirchgeld gescheitert.

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ABER: In der Praxis erheben die Kirchen über die Finanzbehörden das besondere Kirchgeld auch dann, wenn der kirchenangehörige Ehegatte ein eigenes Einkommen hat –  sofern es mehr einbringt als die in diesem Fall eigentlich festzusetzende Kircheneinkommensteuer. (Näheres in Abschnitt II 3)

Die Kirchen behaupten dazu leicht variierend, das besondere Kirchgeld dürfe bei Zusammenveranlagung zur ESt dann erhoben werden, wenn der kirchenangehörige Ehegatte einer glaubensverschiedenen Ehe kein oder nur ein geringes eigenes Einkommen habe.

Dies ist dreifach gelogen und völlig irrelevant:

  1. Das BVerfG hat das besondere Kirchgeld nur für den Fall „mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ ermöglicht.
    Es steht nicht da: „wegen geringen eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ oder gar: „wegen geringen Einkommens zu niedrige KiESt“.
  2. Es gibt ansonsten keine Vorschrift oder Bestimmung, auch nicht in den staatlichen KiStG oder in den kirchlichen Gesetzen (StO, KiStB etc.), die das besondere Kirchgeld in irgendeiner Form an das eigene Einkommen des Kirchenmitglieds knüpft, insbesondere nicht als Ober- oder Untergrenze.
    Nirgendwo ist definiert, was „gering“ o.ä. zahlenmäßig bedeutet.
  3. Das besondere Kirchgeld wird auch bei sehr hohem eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds erhoben (z.B. 100.000 € p.a.), sofern der kirchenfremde Ehepartner mehr als ca. 150% davon verdient. Denn der Kirchgeldtabelle ist es egal, wie sich das „gemeinsam zu versteuernde Einkommen“ zusammensetzt.

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Wieso bzw. wie wird das besondere Kirchgeld dann doch bei eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds erhoben? Es gibt drei faule Tricks:

Der erste Trick ist, dass die KiStG der Länder das besondere Kirchgeld bei glaubensverschiedener Ehe grundsätzlich – also unabhängig vom Einkommen des Kirchenmitglieds – erlauben, also entgegen den Vorgaben des BVerfG von 1965. Die KiStG sind aber insoweit unbeachtlich: Die Beachtung der Grundrechte geht vor, im Zweifelsfall gilt „Bundesrecht bricht Landesrecht“ (Art. 31 GG) (s.u.). Das muss man aber einklagen.

Der zweite Trick ist, dass über die Kirchgeldtabelle immer das „gemeinsam zu versteuernde Einkommen“ als Bemessungsgrundlage herangezogen wird, so dass die addierten Einkommen der beiden Ehegatten kirchlich besteuert werden. Bei einem eigenem Einkommen (= Einkünften) des Kirchenmitglieds (d.h.: > 0 € i.S. EStG) ist das lt. BVerfG unzulässig (s. Abschnitt II 4.3), egal, was da von Kirchen (s. II 5.4) oder Gerichten (s. III) alles erzählt wird.
Es gibt keine Ausrede:
1) Die Besteuerung nach Lebensführungsaufwand (mitsamt dessen „hilfsweiser Bemessung am gemeinsam zu versteuernden Einkommen“) hat das BVerfG nur für den Fall eines einkommenslosen kirchenangehörigen Ehegatten erlaubt.
2) Bei einem eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds „muss“ die Kirche lt. BVerfG genau dieses besteuern (also per KiESt), darf also gar nichts anderes besteuern.
3) Die Kirche darf lt. BVerfG nicht das Einkommen des kirchenfremden Ehepartners besteuern.
4) Es ist lt. BVerfG „systemwidrig“, die Einkommen eines steuerpflichtigen und eines nicht steuerpflichtigen Ehepartners zusammenzurechnen.
Usw. usf.

Der dritte Trick ist, dass die Kirchen (und in deren Auftrag die Finanzämter) sich mit der sog. „Vergleichsberechnung“ nach Betragshöhe heraussuchen, ob sie KiESt oder besonderes Kirchgeld erheben – einfach so, ohne Rechtsgrund, allein weil es höher ist, entgegen BVerfG. Genausogut könnte man wahlweise Einkommenssteuer (progressiv) oder Körperschaftssteuer (immer 15 %) ansetzen, je nach dem was gerade mehr einbringt. Man muss nur den § 1 (Steuerpflicht) des jeweiligen Gesetzes unterschlagen, so wie das Kirchen, Behörden und Gerichte mit dem steuerlichen Belastungsgrund „mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ für das besondere Kirchgeld tun.  Kein Gericht hat je diese „Vergleichsberechnung“ bestätigt. (vgl. Abschnitt II 4.4)
Im Ergebnis wird das (höhere) besondere Kirchgeld auch von Kirchenmitgliedern mit eigenem Einkommen erhoben, sofern nur das Einkommen ihres kirchenfremden Ehepartners hoch genug ist (genauer: mehr als ca. 150% ihres eigenen, vgl. Abschnitt IV 2.1.2).

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Diese Praxis ist schon formell rechtswidrig, denn die KiStG schreiben bei glaubensverschiedener Ehe z.T. die Erhebung von KiESt nach ESt-Anteil des Kirchenmitglieds vor und erlauben das besondere Kirchgeld nur optional. (s. Abschnitt II 4.1.0)
Sie widerspricht zudem materiell den Vorgaben des BVerfG, weil entweder ein Nicht-Kirchenmitglied besteuert wird (s. Abschnitt II 2.3), oder das Kirchenmitglied überhöht besteuert wird (s. Abschnitt II 4.2.6).
Den Vorgaben des BVerfG zur kirchlichen Besteuerung bei glaubensverschiedener Ehe widerspricht diese Praxis sowieso. (s. Abschnitt II 2, II 4, II 6)

Soweit Gerichte das besondere Kirchgeld bei einem eigenen Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten bestätigt haben, sind sie durchweg entscheidungserheblich rechtsfehlerhaft begründet, meist, indem isoliert wahre Tatsachenbehauptungen nebeneinander gestellt werden, die zusammen aber eine Falschdarstellung im Sinne der Kirchen ergeben; es wird getäuscht, gelogen und getrickst. Manche Richter sind in kirchlichen Gremien aktiv, was regelmäßig Befangenheit bedeutet. Dies gilt insbesondere auch für die diesbzgl. „Rechtsprechung“ des BFH, die i.W. mit Falschdarstellungen begründet ist. (Näheres im Kap. III Fragwürdige Urteile). Die Verfassungsmäßigkeit der kirchlichen Bestimmungen hat noch kein Gericht sauber geprüft. Der eine oder andere Richter ist in kirchlichen Gremien (z.B. Kirchengemeinderat) aktiv, da braucht man sich nicht zu wundern.
Die Missachtung der tragenden Gründe aus 1 BvR 606/60 verstößt gegen § 31 (1) BVerfGG, was wiederum einen Verstoß der Art. 20 (3) GG (Bindung an Recht und Gesetz) bedeutet. Rechtswidrige Urteile sind aber keine zulässige Begründung für Verwaltungsakte oder weitere Urteile. Des Weiteren liegt hier nach den Maßstäben des BVerfG regelmäßig Willkür vor, weil die offenkundig einschlägige Norm in krasser Weise missdeutet wurde. Denn krasser als das Gegenteil geht nicht.

Die ungerechtfertigte Mehrzahlung beträgt typischerweise wenige hundert Euro pro Jahr, kann aber je nach Einkommenskonstellation auch über 3.000 € betragen. (vgl. Graphik in Abschnitt I 1 oder IV 2.1.2)  In der Summe vermutlich um die 50 – 100  Mio. € p.a.

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Wer sagt was?

Die Finanzbehörden berufen sich vor allem auf die Kirchensteuergesetze der Länder, die eine solche Besteuerung entgegen BVerfG zulassen und daher insoweit mit der grundgesetzlichen Ordnung nicht in Einklang stehen. Die höchstrichterliche Rechtsprechung wird nur herangezogen, wo es passt.  (s. Abschnitt II 4.1 und II 4.2 sowie IV 5.1 Amtspflichtverletzung).

Die Kirchen erläutern dieses ihr Vorgehen in ihren vielen Publikationen mit salbungsvollen Worten, aber ungenau bis falsch und entgegen den Vorgaben des BVerfG. Es wird kräftig gelogen. Die entscheidende Vorgabe des BVerfG „mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“ wird unterdrückt und verfälscht, ebenso, dass lt. BVerfG bei eigenem Einkommen des Kirchenmitgliedes genau dieses besteuert werden „muss“ (vgl. Abschnitt II 5.4).  Damit wird unter Mitwirkung der Finanzbehörden eine Zahlungspflicht behauptet, die nach den Rechtsgrundlagen des BVerfG für das besondere Kirchgeld und für die kirchliche Besteuerung nicht besteht.
Die Vermutung der Täuschung über eine Zahlungspflicht (§ 263 StGB Betrug) liegt nahe. (vgl. Abschnitt IV 5.3)

Online-Seiten von Anwälten, Steuerberatern etc. geben praktisch durchgängig nur die Auffassung von Kirchen und Finanzbehörden wieder; sie sind zudem häufig veraltet. Korrekturanregungen werden i.a. ignoriert. Gleiches gilt auch für den Bundesverband der Lohnsteuerhilfevereine, der nur auf BVerfG  2 BvR 591/06 etc. hinweist, aber auch auf Hinweis nicht auf BFH  I B 109/12. Das schreiben Kanzleien dann im Dutzend ab.

Bei Gerichtsentscheidungen, die ein besonderes Kirchgeld bei Doppelverdienern zugelassen haben, sind durchweg entscheidungserhebliche Rechtsfehler festzustellen, insbes. die Missachtung tragender Gründe (§ 31 (1) BVerfGG) (s. Kapitel III), dazu Willkür; Rechtsbeugung erscheint denkbar. (s. Abschnitt IV 5.2)
Dies gilt inbesondere auch für die entspr.  Rechtsprechung des BFH, die ohne schlüssige Begründungen ist und die nach den Maßstäben des BVerfG (z.B.  2 BvR 2530/16) in weiten Teilen willkürlich ist.

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Was gilt?

„Die Rechtslage ist eindeutig“.
Das BVerfG hat 2010 bei der Nicht-Annahme von sechs Verfassungsbeschwerden (2 BvR 591/06 u.a.) nicht etwa das besondere Kirchgeld „bestätigt“ wie v.a. die Kirchen behaupten (und schon gar nicht für ein „geringes“ Einkommen), sondern seine o.a. Rechtsprechung von 1965 als nach wie vor maßgeblich und gültig bestätigt  (s. Abschnitt II 6.1.1) und daher eine erneute Befassung abgelehnt. Die Billigung des besonderen Kirchgeldes bei Doppelverdienerehe in den Streitfällen von 2 BvR 591/06 etc. ist entgegen dieser Rechtslage und nur mit einem Falschzitat des Obiter dictums begründet (s. Abschnitt III 6).

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat im Beschluss vom 8.10.2013 – I B 109/12 klargestellt, was das bedeutet: „Die Rechtslage ist eindeutig“: Kirchgeld und KiESt sind auch lt. KiStG strikt getrennt, das Kirchgeld ist „subsidiär“ zur KiESt. Die o.a. Einzelfallentscheidungen sind für die Rechtslage irrelevant, ebenso für spätere gerichtliche Entscheidungen (kein kasuistisches Recht wie in den angelsächsischen Ländern).
„Nur für diese Fallkonstellation“  „mangels eigenen Einkommens kirchensteuerfrei“  „orientiert sich das besondere Kirchgeld … am Lebensführungsaufwand des kirchenangehörigen Ehegatten“, und nur dann ist auch die zugehörige pauschalierte Bemessung dieses Lebenführungsaufwandes am gemeinsam zu versteuernden Einkommen zulässig. (s. Abschnitt II 6.4)
Daran ändert die sog. Vergleichsberechnung so wenig (s. Abschnitt II 4.4)  wie anderslautende Bestimmungen in den KiStG der Länder (s. Abschnitt II 4.1.5 sowie II 6.4.3).

Lt. dem Beschluss 2 BvR 591/06 etc. ist das gesamte Urteil 1 BvR 606/60, also mitsamt seinen tragenden Gründen, verfassungsrechtlich maßgeblich für die Heranziehung zum besonderen Kirchgeld. Das heißt: 1) Bei einem eigenen Einkommen des Kirchenmitglides „muss“ die Kirche genau dieses Einkommen besteuern, sie darf nicht den Lebensführungsaufwand oder das Einkommen beider Ehegatten besteuern, 2) das Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten darf nicht mit dem seines kirchenfremden Ehepartners zusammengerechnet werden, wie es mit der Kirchgeldtabelle praktiziert wird. Ansonsten ist der Beschluss des BVerfG 2 BvR 591/06 etc. massiv rechtsfehlerhaft, u.a. weil die Vergleichsberechnung übersehen wurde, mit der die Kirchen das BVerfG veräppeln (s. Abschnitt III 6).

Es ist rechtlich völlig gleichgültig, wenn ein KiStG eine Besteuerung erlaubt, die das BVerfG untersagt hat. Denn die Kirchen sind beim Ausfüllen der landesrechtlichen Bestimmungen, also der KiStG, selber direkt an die Verfassung gebunden (BVerfG, 2 BvR 443/01).
Nach den KiStG darf das besondere Kirchgeld rechnerisch höher sein als die eigentlich festzusetzende KiESt und wird dann aufgrund der sog. Vergleichsberechnung festgesetzt. Kein Gericht hat je die kirchlichen Bestimmungen anhand der Auslegung der Verfassung durch das BVerfG geprüft, insbes. nicht die sog. Vergleichsberechnung.

Wenn Landes- und Bundesrecht im gleichen Sachverhalt zu unterschiedlichen Ergebnissen führen „können“, liegt eine sog. Normenkollision vor; dann greift Art. 31 GG „Bundesrecht bricht Landesrecht“  (BVerfG, 2 BvN 1/95). Bundesrecht jeder Rangordnung geht vor. Das Landesrecht ist dann ohne Geltung, es gilt nur das Bundesrecht. Dies muss aber gerichtlich festgestellt werden. Bei der staatlichen Genehmigung der Kirchensteuerbeschlüsse sowie bei den Kirchensteuerbeschlüssen selber kann jedes Gericht tun, weil dies untergesetzliches Recht ist. Dann ist ein besonderes Kirchgeld bei eigenem Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten ohne gültige Rechtsgrundlage.

In keinem der Verfahren, die wir bisher begleitet haben, hat eine Kirche dieser unserer Rechtsauffassung etwas Substantielles entgegenhalten können, sie haben i.W. auf die fehlerhaften Entscheidungen des BFH verwiesen und andere Entscheidungen falsch zitiert.
Die Kirchen haben nichts. Sie sind auf die Rechtsverbiegung durch die Gerichte angewiesen, nur darauf beruht das besondere Kirchgeld bei eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds, getarnt durch die Bestimmungen der KiStG.
Die Gerichte behaupten regelmäßig irgendwelches alte Zeug voller Rechtsfehler und verweigern dann die Revision oder die Berufung (s. Kap. III). Dank BGH sind Richter ja relativ immun gegen den Vorwurf der Rechtsbeugung, und die Staatsanwälte kennt man. Dennoch: Steter Tropfen höhlt den Stein, die Schlinge zieht sich zu. Die Begründungen der Gerichte werden notgedrungen immer abenteuerlicher, wie man z.B. an OVG Lüneburg 9 LA 120/17 sieht.

Zusammengefasst:

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Was wissen Anwälte und Richter??

Kirchgeldklagen sind eher seltene Vorgänge, und die einschlägige Fachliteratur wird von kirchlich bezahlten Autoren dominiert. Daher muss man damit rechnen, dass auch einem Juristen oder Steuerberater das Thema nicht von vornherein hinreichend vertraut ist.
So wissen wir z.B. aus einem laufenden (2016) Verfahren zum besonderen Kirchgeld, dass ein hohes Gericht in einem Schriftstück an die Prozessbeteiligten die Bestimmungen für verschiedene Arten von Kirchgeld (allgemeines, besonderes … ) munter vermengt hat – so ganz schien man das Thema auch nach mehr als einem Jahr Verfahrensgang noch nicht erfasst zu haben. Ein Steuerberater nannte auf Anfrage den falschen Gerichtszug (VG statt FG) und irrelevante Urteile.
Die Internetseiten von Anwälten und Steuerberatern beschreiben fast durchweg nur die geübte Praxis von Kirchen und Finanzämtern bei der Kirchgelderhebung, teils direkt falsch, nicht aber die tatsächliche Rechtslage. Korrekturanregungen werden i.d.R. abgewiesen oder ignoriert.
Insoweit ist zu empfehlen, den Anwalt etc. in gebotener Form auf die Sach- und Rechtslage aufmerksam zu machen.

Was auch SteuerberaternAnwälten  und Richtern zum besonderen Kirchgeld des Öfteren nicht präsent ist:
Die Rechtslage beim besonderen Kirchgeld ist je nach Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten völlig unterschiedlich:

  • Zunächst einmal ist das „besondere Kirchgeld“ von anderen Formen des Kirchgeldes strikt zu unterscheiden, sonst wendet man die falschen Vorschriften an.
  • Bei einkommenslosem Kirchenmitglied gilt das besondere Kirchgeld lt. BVerfG, BFH und BVerwG als zulässig.
    Bei einer Klage muss man ggf. die verfassungsrechtliche Position des BVerfG zum Kirchgeld angreifen (also de facto vor dem BVerfG), was in den letzten 50 Jahren erfolglos geblieben ist.
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  • Bei eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds ist das besondere Kirchgeld lt. BVerfG, BVerwG und teilw. BFH nicht zulässig.
    Die Kirche  „muss“ dieses eigene Einkommen per KiESt besteuern, darf nicht nach „Lebensführungsaufwand“ besteuern und schon gar nicht auch noch das Einkommen des kirchenfremden Ehepartners zur Kirchensteuer heranziehen.
    Es gibt definitiv keine Vorschrift, nach der das besondere Kirchgeld „bei geringem Einkommen“ o.ä. des Kirchenmitglieds erhoben werden darf; anderslautende Behauptungen sind frei erfunden und erlogen, auch von Gerichten, auch vom BFH und vom BVerfG.
    Man kann hier die Erhebung von besonderem Kirchgeld mit dem Verfassungsrecht und auf einfachrechtlicher Ebene bis hin zum Steuerrecht angreifen, was bereits erstinstanzlich entschieden werden kann. Bundesrecht geht vor.
  • Bei eigenen Einkommen des Kirchenmitgliedes ist es taktisch mehr als ungeschickt, das besondere Kirchgeld als Ganzes bzw. grundsätzlich anzugreifen: Man vergibt Chancen, und das Scheitern ist programmiert.
  • Die Beurteilung eines Falles von besonderem Kirchgeld bei eigenem Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten nach den Regeln für das einkommenslose Kirchenmitglied führt zu entscheidungserheblichen Rechtsfehlern.

Bei Gerichten muss man allerdings damit rechnen, dass das besondere Kirchgeld bei Doppelverdienern auf Teufel komm raus gerechtfertigt wird, mit was für Argumenten auch immer.
Sezieren wir mal ein nettes Beispiel.
Da hat z.B. das FG München neulich behauptet (1 K 708/17), der Beschluss des BFH  I B 109/12 gelte nur für Alleinverdiener und dürfe nicht auf Doppelverdiener übertragen werden.
Sofern diese Erkenntnis des FG München nicht ausschließlich für diesen einen Beschluss I B 109/12 gelten soll (dann wären wir wieder mal bei der Willkür), dürfen danach Entscheidungen in Kirchgeldsachen nicht auf die jeweils andere Einkommenskonstellation übertragen werden. Dieser Auffassung können wir nur beipflichten, denn sie entspricht dem Urteil des BVerfG 1 BvR 606/60, wonach ja nach Einkommenskonstellation unterschiedlich zu besteuern ist.
Das FG München hat in seinem Bemühen, den unliebsamen BFH-Beschluss I B 109/12 unschädlich zu machen, allerdings die Konsequenzen seiner schlauen Überlegung nicht überrissen (für Nicht-Bayern: überblickt, begriffen): Nach dieser seiner Auffassung darf auch die Besteuerung des Lebensführungsaufwandes aus dem Obiter dictum von 1 BvR 606/60 nicht auf Doppelverdiener übertragen werden, denn diese Besteuerung gilt ausweislich ihres Wortlautes ja nur für Alleinverdiener. Und auch die ganze auf I R 76/04 aufbauende Rechtsprechung des BFH fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen, denn das Urteil I R 76/04 bezieht sich ja nur auf Alleinverdiener, die davon abgeleiteten Entscheidungen aber auf Doppelverdiener. Damit hat sich auch gleich so ziemlich die ganze erstinstanzliche Rechtsprechung zu dieser Frage erledigt, die sich ja fleißig auf alle diese schrägen Entscheidungen des BFH beruft.
Besten Dank, liebes FG München!
Ansonsten geht die o.a. schlaue Auffassung des FG München ausgerechnet beim Beschluss  I B 109/12 daneben: Die strittige Passage betrifft nur die Rechtslage lt. BVerfG (nicht den entschiedenen Fall), und diese bezieht sich ausweislich der Vorverfahren von 2 BvR 591/06 etc. auch auf Doppelverdiener.

Soviel zu unserer neutralen und qualifizierten Rechtsprechung in Kirchgeldsachen, die ja sorgfältig nur nach Gesetz und Recht urteilt, auch wenn der eine oder andere Vorsitzende Kirchengemeinderat bzw. Mitglied eines kath. Verwaltungsrates ist. Und da ist dann noch das Finanzgericht, das einem Kläger in der Verhandlung rät, er möge anders wählen, wenn er das besondere Kirchgeld abschaffen wolle.


Was will Kirchgeld-Klage.info?

Kirchgeld-Klage.info will Transparenz über die Rechtslage zum besonderen Kirchgeld herstellen, weil diese von den vielen kirchlichen Darstellungen vernebelt und versteckt wird, und so zu Klagen und Einsprüchen anregen.

Wenn es ernst wird, ist das besondere Kirchgeld ein rein rechtliches Thema.
Da reicht es nicht, „rechtswidrig“ oder „verfassungswidrig“ zu schreien – das interessiert niemanden.
Wenn man etwas erreichen will, braucht man klare Nachweise zur Rechtslage, gerade weil das besondere Kirchgeld in weiten Teilen auf bewussten Ungenauigkeiten und Falschdarstellungen beruht. Nur wenn man die Rechtslage kennt, kann man erfolgversprechend argumentieren.
Daher will dieser Internetauftritt in einer durchaus kritischen Sichtweise sachlich korrekt und vor allem anhand konkreter Nachweise über die Rechtslage informieren. Im Hinblick auf eine gerichtsfeste Darlegung war v.a. wegen der vielen umlaufenden Falschdarstellungen ein gewisser Umfang nicht zu vermeiden.
Kirchgeld-Klage.info will mit seinem „Werkzeugkasten“ helfen, dass Einsprüche und Klagen gut begründet sind, so dass Behörden und Gerichte unter Druck kommen, endlich gemäß der Rechtsprechung des BVerfG zu entscheiden.

Realistisch ist aus unserer Sicht allein ein Vorgehen gegen das besondere Kirchgeld bei eigenem Einkommen des Kirchenmitglieds. Wir halten daher nichts von dem Verhalten mancher Verbände, verbale Fundamentalopposition gegen das besondere Kirchgeld zu pflegen und die rechtlichen Gegebenheiten zu verschweigen, nach dem Motto „lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand“.

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Kirchgeld-Klage.info will daher Doppelverdiener zu Einsprüchen und Klagen gegen das besondere Kirchgeld ermutigen. Die klaren Aussagen des BVerfG und des BFH haben uns dazu veranlasst.

Ziel in der Sache ist, dass das besondere Kirchgeld nur so erhoben wird, wie es das BVerfG mit seiner Rechtsprechung zur kirchlichen Besteuerung bei glaubensverschiedener Ehe vorgegeben hat.
Das heißt: Bei eigenem Einkommen des kirchenangehörigen Ehegatten in glaubensverschiedener Ehe kein besonderes Kirchgeld, sondern ausschließlich Kircheneinkommensteuer auf genau dieses Einkommen, und sonst nichts.


Für wen ist Kirchgeld-Klage.info?

Zielgruppe sind zum einen Kirchenmitglieder und ihre Ehepartner, die vom besonderen Kirchgeld betroffen sind und sich über die Sach- und Rechtslage informieren wollen, damit sie sehen, was sie tun können und was nicht.

Zielgruppe sind zum anderen Anwälte und Steuerberater, die gegen das besondere Kirchgeld klagen wollen. Denn die Rechtsprechung zum besonderen Kirchgeld ist vielfältig und nicht so ganz durchsichtig: Die tatsächliche Rechtslage wird auch von Gerichten gern versteckt, zudem waren in der Vergangenheit etliche Klagen von vornherein ungünstig angesetzt, teils erkennbar aufgrund unzureichender Kenntnis der Rechtslage.
Daher wird v.a. in den Kapiteln II „Rechtslage“ und III „Fragwürdige Urteile“ die einschlägige Rechtsprechung detailliert mit Zitaten und Nachweisen dargestellt und analysiert, was für Aufbau und Detaillierung einer Klagebegründung hilfreich sein dürfte. Für einen schnellen Einstieg empfehlen wir den Abschnitt I 4 „Der verfassungsrechtliche Kern“.
Davon können auch Richter profitieren, denen ansonsten ja fast nur kirchennahe Literatur zu Verfügung steht.


Was bietet Kirchgeld-Klage.info?

Kirchgeld-Klage.info bietet ausführliche Informationen und detaillierte Nachweise zur Rechtslage beim besonderen Kirchgeld, vom Überblick bis zur Analyse einzelner Urteile. Der Umfang entspricht ca. 400 Seiten DIN A4 zzgl. Downloads. Die Darstellung beruht nicht auf Sekundärliteratur, die ja meist von kirchennahen Autoren stammt und somit nur eingeschränkt vertrauenswürdig ist, sondern v.a. auf der direkten Auswertung von über 60 Gerichtsentscheidungen zum Themenkreis besonderes Kirchgeld.

Kirchgeld-Klage.info ist wie ein Werkzeugkasten,  von der Einspruchs-Vorlage bis zum Klein-Klein der Analyse von schrägen Urteilen und Publikationen. Man findet Informationen, wie das besondere Kirchgeld funktioniert, und Hinweise, wie man sich dagegen wehren kann. Wie tief man in diesen Werkzeugkasten hineingreift und wie man ihn nutzen will, muss der Kirchgeldzahler bzw. der Anwalt selbst beurteilen.

Der Aufbau führt vom Überblick zu den Einzelheiten:

  • Kapitel I  „Überblick“ bietet eine erste Einführung in das Thema und alternativ eine kompakte Darstellung der Rechtslage. Für ganz Eilige: Der verfassungsrechtliche Kern.
    Die wahre Geschichte des Thomas M. erzählt, wie die Dinge so laufen können. Es folgen Überlegungen, was man tun könnte.
    Für alle, die sich informieren und einen ersten Eindruck über das Thema gewinnen wollen.
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  • Kapitel II  „Rechtslage“ stellt die Vorgaben des BVerfG für die kirchliche Besteuerung bei glaubensverschiedener Ehe dar, wie Staat und Kirchen diese umgehen und was die „eindeutige Rechtslage“ ist.
    Hier findet man genauere Informationen und Nachweise zur Rechtslage, gerade auch im Hinblick auf eine evtl. Klage.
    Dies sind eher Arbeitsmaterialien für näher interessierte Kirchgeldzahler, die einen Einspruch oder eine Klage erwägen, und für Juristen und Steuerberater, die sich in das Thema einarbeiten wollen, eine Klage konzipieren bzw. bearbeiten oder Einzelnachweise benötigen.
    Ergänzend wird im Abschnitt zur „Kommunikation des besonderen Kirchgeldes“ anhand der Rechtslage geprüft, was in den Publikationen insbesondere der Kirchen wahr ist und was nicht. Die „Fachliteratur“ bekommt auch ihr Fett ab.
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  • Kapitel III  „Fragwürdige Urteile“ weist auf ca. 20 rechtsfehlerhafte Urteile hin und analysiert sie. Der Beitrag „Argumentationsmuster“ zeigt, wie Gerichte sich um bestimmte Themen drücken und Entscheidungen lieber selektiv begründen.
    Dies sind eher Arbeitsmaterialien, Informationen und Anregungen für Juristen und Steuerberater.
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  • Kapitel IV  „Handlungsmöglichkeiten“ erörtert, was man tun kann.
    Dies richtet sich zunächst an Kirchgeldzahler, die z.B. einen Einspruch, eine Klage oder den Beitritt in eine Weltanschauungsgemeinschaft erwägen, aber auch an Anwälte, die eine Klage o.ä. vorbereiten.
    Kern sind Mustereinsprüche sowie drei Ansätze für Klagen gegen das besondere Kirchgeld, darin eine ausformulierte Klagebegründung für Doppelverdiener.
    Ergänzend werden Fragen von Amtspflichtverletzung, Rechtsbeugung und Betrug andiskutiert.
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  • Kapitel V führt kommentierte Links v.a. zu Rechtsquellen auf.
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  • Kapitel VI   „Presse-Texte“ bietet v.a. für Journalisten Entwürfe für Meldungen und Artikel. Dazu ein fiktives Interview, z.B. als mögliche Vorbereitung für ein reales Gespräch oder als kleiner Test, inwieweit man das Thema verstanden hat oder sich über den Tisch ziehen lässt.

Die einzelnen Kapitel sind weitgehend für sich lesbar; die wesentlichen rechtlichen Fragen sind jeweils angesprochen, wenn auch in unterschiedlicher Tiefe. Dass sich dadurch gewisse Wiederholungen ergeben, haben wir in Kauf genommen; sie erleichtern vielleicht auch das Verständnis des Themas.

Diese Website darf, kann und will keine Rechtsberatung bieten. Es geht nicht um Einzelfallbetrachtung. Hier sind Informationen, Nachweise und auch Meinungen zur Rechtslage nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt, die jeder so nutzen kann, wie er meint, dass es für ihn richtig ist. Wie gesagt: Werkzeugkasten. Die Texte entstanden Mitte 2015; sie werden immer wieder angepasst.

Wir empfehlen genervten Kirchgeldzahlern, spätestens für den Fall einer Klage den Rat eines Anwaltes einzuholen, diesen aber auch auf die hier angebotenen Informationen aufmerksam zu machen. Denn auch für (Fach-)anwälte ist das besondere Kirchgeld eher ein Randthema, das man nicht unbedingt sofort in allen Details präsent haben wird. In derartigen Fällen können wir den Anwalt oder Steuerberater dadurch unterstützen, dass wir ausformulierte Materialien für Klagebegründungen zu Verfügung stellen.


Diskussion mit Kirchgeld-Klage.info

Wir haben versucht, das Thema „Besonderes Kirchgeld“ sorgfältig aufzuarbeiten. Natürlich können wir nicht ausschließen, dass uns Fehler unterlaufen sind, und natürlich kann man in dem einen oder anderen Punkt anderer Auffassung sein. Daher können wir trotz großer Sorgfalt keine Gewähr oder Haftung für die Richtigkeit oder Verbindlichkeit der hier dargebotenen Informationen übernehmen. Durch die vielen Zitate und Nachweise kann unsere Darstellung leicht nachgeprüft werden. Manche der hier aufgeworfenen Fragen werden rein argumentativ nicht im Konsens zu klären sein, sondern gerichtlich entschieden werden müssen.
Wir denken aber schon, dass es mit den aufgezeigten Punkten v.a. aus der Rechtsprechung des BVerfG gelingen sollte, das besondere Kirchgeld wieder auf genau die ursprüngliche Grundlage zu stellen, die das BVerfG vorgegeben hat. Sofern sich mal ein Gericht traut, nach Gesetz und Recht zu urteilen.

Damit dies in dem hier vertretenen Sinne gelingt, ist das Team von Kirchgeld-Klage.info an Rückmeldung, Diskussion und weiteren Beiträgen sowie an aktuellen Entwicklungen wie Klagen oder Urteilen interessiert. Wir wollen den hier angebotenen „Werkzeugkasten“ weiter verbessern.

Dazu bietet jede der einzelnen Seiten die Möglichkeit, einen Kommentar zu verfassen (Eingabefeld ganz unten, unter den bisherigen Kommentaren).
Für den direkten Kontakt steht die E-Mail-Adresse kirchgeld(at)atheismus.de zu Verfügung. Wir bitten zu beachten, dass wir wie gesagt keine Rechtsberatung o.ä. zu konkreten Einzelfällen vornehmen wollen, werden und dürfen.

Wir freuen uns auf Rückmeldung und Mitarbeit.

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Das Team
von
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Kirchgeld-Klage.info

 

Stand 07/2017

Impressum undDatenschutzerklärunghttps://kirchgeld-klage.info/impressum/

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Anmerkungen

[1]  Zur besseren Lesbarkeit haben wir auf dieser Startseite und im einführenden Kapitel I (außer in I 2 „Kirchgeld kompakt“) auf Zitate sowie auf Fußnoten mit Nachweisen und Anmerkungen verzichtet. Die anderen Kapitel enthalten die entsprechenden Nachweise und Quellen. Selbstverständlich sind aber auch hier alle Angaben belegbar. – Beispiele:

138 Gedanken zu „Über diese Seite

  1. Ich habe es gleich mal ausprobiert und mit Verweis auf die neuen Beschlüsse des BFH einen Einspruch eingelegt. Kirchensteuer ist bei mir neben dem besonderen Kirchgeld aufgrund von Kapitalerträgen angefallen. Trotzdem wird der Einspruch wie erwartet mit den üblichen verkürzten Darstellungen und Verweis auf Landesrecht abgewiesen. Nun stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, zu klagen. Vielleicht kann ja jemand einen erfahrenen Anwalt empfehlen. Ohne hat man wohl keine Chance, Recht zu bekommen.

  2. Hallo,

    ich bin (noch!) Mitglied der ELKB. Mein Mann ist konfessionslos.

    Nun habe ich einen Bescheid des Evang-Luth. Kirchensteueramts Bayern über die Nachzahlung von mehreren Hundert Euro besonderes Kirchgeld für das Jahr 2017 bekommen. In 2017 war ich komplett in Elternzeit habe jedoch (i.W. aufgrund der Auszahlung eines Jahresbonuses im Feburar 2017 für meine unselbständige Tätigkeit in 2016) mehrere Hundert Euro Kirchenlohnsteuer bezahlt. Nun wurde der Differenzbetrag zwischen einbehaltener Kirchenlohnsteuer und gestaffeltem besonderen Kirchgeld auf Basis unseres gemeinsam zu versteuernden Einkommens von der ELKB als Nachzahlung eingefordert. Ich bin so verärgert über diesen Sachverhalt, dass ich gerne Einspruch einlegen würde.

    Wenn ich die Informationen auf Ihrer Website richtig verstehe, wäre dies unzulässig, wenn ich in 2017 nicht einkommenslos war. Ist es für die Definition von „Einkommen“ relevant, über welchen Zeitraum in 2017 (in meinem Fall nur bis Februar) ich Einkommen erzielt habe bzw. dass dieses i.W. aus einmaligen Zuflüssen stammte?

    Über eine kurzfristige unverbindliche Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.

    Danke und beste Grüße

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